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Plattitüden und Körpersäfte - das Last Day Out Festival 2007
06.09.2007
Zu Fuße der Burg Clam lässt es sich scheinbar herrlich urinieren und erbrechen – vorzugsweise auf einer Bühne unter Beobachtung tausender Menschen, welche dem absurden Treiben zum Teil durch euphorisches Grölen ihre Zustimmung bekundeten.

Somit ist klar: Die Bloodhound Gang war teil des Line-Ups. Musikalisch nicht hochwertig und mit „gewöhnlichen Mitteln“ showtechnisch definitiv nicht unterhaltsam genug, treibt man nach wie vor das eklige Spiel. Wie lange dies so weitergeht, wird sich zeigen. Einige Momente dieses Gigs, welche an dieser Stelle nicht näher erläutert werden, zeugen von einem endgültigen Überschreiten aller Grenzen – so unlustig ist nicht einmal mehr lustig.

Fast schon tragisch, dass Fat Mike von den Headlinern NOFX sich einbildete, mit einer Aktion das Ganze überbieten zu müssen. Dass man ansonsten in allen Belangen in einer ganz anderen Liga agiert, sollte wohl klar sein. Bis auf diesen einen Tiefpunkt bestand daran auch an diesem Abend kein Zweifel – aber dazu später.

Was die ehemaligen Crossover-Helden H-Blockx mit der Bloodhound Gang und NOFX gemeinsam hatten, war die Qualität der Aus- und Ansagen zwischen den Songs. Während sich die US-Fraktion mit ihren unausgereiften, populistischen und schon hundert Mal gehörten Anti-Bush-Sagern den Standard-Zuspruch von Seiten der Fans abholte, überraschten die Münsteraner mit einer ungewöhnlichen Strategie: scheinbar versuchte man das Publikum für sich zu gewinnen, indem man es zuerst beleidigt und dann überschwänglich komplimentiert. Natürlich war von der besten Show der Tour so far die Rede, außerdem war man etwas überraschend Zeuge einer „exklusiven Österreich-Show“, der ersten seit drei Jahren – ok, das das Nova Rock findet ja praktisch in der Slowakei statt; und die Band ist ja auf jeden Fall gut beraten, den Mantel des Schweigens über ihren Auftritt dort zu hüllen.

Die Location Burg Clam glänzte mit stimmigem, geradezu familiären Ambiente. Gute Erreichbarkeit, kurze Gehdistanzen und ein gnädiger Wettergott bleiben positiv in Erinnerung. Das Aufeinandertreffen mit Punk-Hero Fat Mike zum vereinbarten Interview war jedoch eine zwiespältige, jedoch auch erfahrenswerte und im Nachhinein durchaus amüsante Angelegenheit, dies es wert ist, inklusive aller Details wiedergegeben zu werden…

Positiv überrascht von der sofortigen Zusage von Seiten des Labels (der Bandchef ist ja nicht gerade für seine Redefreudigkeit gegenüber der Presse bekannt; Interviews sind fast so selten wie positive Kommentare zur Amtshandlungen des US-Präsidenten) wurde auch vor Ort sofort ein Draht zum Tourmanager gefunden – trotz Funkloch oder Netzüberlastung und einer amerikanischen Handynummer als einziger Information.

Als man sich nach in dieser Intensität nicht geplantem SMS-Verkehr dann doch gefunden hatte, bekam man als Begrüßung ein „Where’s your recorder?“ entgegengeschleudert. Ein Grund, auf der Stelle umzudrehen – ginge es nicht um eine Audienz beim Helden einer Jugend. Also: Diktiergerät herzeigen (das ist einem noch nie unterlaufen!), brav folgen – und am besten gleich ein bisschen Small Talk betreiben und einschleimen. Der Wortwechsel im Detail:

„Sorry for any inconvenience caused [because of all the text messages]!”

“Well, it’s getting close to the show.”

“So, just a few minutes, I guess…”

“Yeah, one question maximum.”

Angemessene Reaktion auf diese Aussage: siehe oben. Und man lässt sich ja teilweise ja wirklich einiges gefallen, aber es ging lustig weiter. Mike war nicht da, angeblich volltrunken und nicht auffindbar. In weiterer Folge wird einem ein Roadie nach dem anderen vorgestellt. Bei deren erscheinen verhielten sich die anderen Anwesenden, als handle es sich um die Person, um die sich bei NOFX, Fat Wreck Chords und „Rock Against Bush!“ alles dreht. Unbeeindruckt lässt man selbst jedoch andeuten, dass man sich schon ein bisschen auskennt – man hätte eigentlich auch gleich wieder aufstehen und gehen können (vorher vielleicht noch am Buffet verköstigen). Da diese Reaktion – der erste Teil davon – jedoch scheinbar erwünscht war, kam dies natürlich nicht in Frage. Ziel waren ganz einfach ein paar Momente mit Mike, der laut Eigendefinition „not that fat“ ist – was an dieser Stelle gerne bestätigt wird.


Verkühlt und unkommunikativ: Eric Melvin

Gitarrist Eric Melvin – dürr, blasses Gesicht und zunehmend ergrauende Dreads – gab sich verkühlt und nicht auskunftsfreudig. Somit ergab sich eine Pattsituation, die sich nur durch einen Umstand lockern konnte, welcher daraufhin auch etwas überraschend eintrat: Fat Mike schlenderte plötzlich umher. Auf die anwesende Journalistengefahr und die bedrohliche Tatsache einer Interviewverpflichtung hingewiesen, nahm er sofort Platz, um sich mit einem Caipirinha in der Hand äußerst freundlich, locker und gut aufgelegt ein bisschen nerven zu lassen. Die Chemie schien zu stimmen, alles halb so wild. Nach geschätzten drei Minuten war jedoch klar, dass nun der richtige Zeitpunkt ist, um die Audienz aus eigenen Stücken zu einem Ende zu bringen. Er mag einfach keine Interviews und zeigt dies sehr schnell mit Ungeduld und zur Schau gestellter Genervtheit.

Das Signieren von Alben („Ribbed? Good choice!“ lautete der Kommentar des körpergewaltigen Tourmanagers, als dieser zufällig das Booklet erblickte. „Schleimen nützt dir jetzt auch nichts mehr“ – hat er dann doch nicht zu hören bekommen) und ordentliches Posieren für gemeinsame Fotos ist nicht nur für Band-Oberhaupt Fat Mike eine Selbstverständlichkeit.

Auch Eric Melvin war so rücksichtslos, die potentielle Übertragungsgefahr des in ihm wirkenden Grippevirus zu ignorieren. El Hefe hingegen hatte es eilig, zum Buffet zu kommen. Läuft einem zufällig über den Weg und meint, als er erkannt und angesprochen wird: „You’ve got the wrong guy, I’m not in the Bloodhound Gang!

Hungrig und gut aufgelegt: El Hefe

Der Auftritt der Veteranen aus Kalifornien war das unbestrittene Highlight des Abends. Und das, obwohl natürlich nichts Weltbewegendes geboten wurde. Auch on stage werden alte oder neue Stücke aus dem umfangreichen Backkatalog nicht revolutionär anders dargeboten. Es ist viel mehr ein routiniertes Klampfen und Poltern, was für gute Laune sorgt. Wie die Songauswahl aussieht, ist eher nebensächlich, da man sich sicher sein kann, immer den einen oder anderen Klassiker bzw. absoluten Fan Favourite („Linoleum“, „Stickin’ in my eye“, „Don’t call me white“, „The Brews“) geliefert zu bekommen.

Dass die Hardcore-Anfänge ausgespart werden, ist eine nachvollziehbare Entscheidung; dass es nur ein Lied vom 1996er-Release „Heavy Petting Zoo“ („Whatever Didi wants“) und sogar kein einziges vom Kultalbum „Ribbed“ (1991) gab, war ebenso überraschend wie enttäuschend. Kein „Freedom like a shopping cart“, kein „The Moron Brothers“ oder „Showerdays“.

Zum Abschluss „Kill all the white man” und „Theme from a NOFX album”. Am Ende war Eric Melvin – nach drei Songs übrigens mit nacktem Oberkörper unterwegs (man war an „Just the flu“ erinnert: „There’s no lesson to be learned, there’s no one left to learn it“ – alter Mann, pass auf dich auf!) – gar nicht mehr von der Bühne zu bringen. Mit einem kindlichen Stolz präsentierte er immer wieder aufs Neue seine Akkordeon-Künste.

LAST DAY OUT FESTIVAL, 31. August 2007 (Klam, Burg Clam)  

06.09.2007, 10:51 von T. Hochwarter


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