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Mit Virginia Jetzt! backstage am Nova Rock Festival
20.06.2006
Unter all den Bands für die härtere Fraktion wirkten Virginia Jetzt! geradezu deplatziert. Warum sie trotzdem gekommen sind, ließen wir uns von Thomas und Nino gerne erklären. Natürlich ging es auch um die Fußball-WM und deren musikalische Begleiterscheinungen.

Die Veröffentlichung eures letzten Albums liegt ja schon einige Zeit zurück. Fühlt ihr euch deswegen hier nicht ein bisschen als eine Art Lückenbüßer?

Thomas: Wir fühlen uns nicht als Lückenbüßer, aber irgendwie geehrt, auf einem ganz klar auf Rock ausgerichteten Festival zu spielen.

Nino: Wir haben hier ja nichts zu verlieren. Niemand rechnet mit uns und es ist dann schön, die Leute trotzdem auf unsere Seite zu bekommen – vielleicht gerade deshalb, weil wir eindeutig nicht so laut spielen werden als die Bands vor und nach uns. Es macht auf jeden fall Spaß, ansonsten bräuchten wir ja gar nicht loszufahren.

Sind die härteren Töne anderer Acts hier vielleicht Inspiration für euer neues Material?

Thomas: Unsere neuen Sachen sind bereits komplett aufgenommen, gemischt muss alles noch werden. Ich glaube nicht, dass wir uns etwas von Apocalyptica oder Korn abschauen. Die können eher bei uns etwas lernen, zum Beispiel auch einmal andere Harmonien zu benutzen als immer die drei oder vier gleichen Riffakkorde.

Seid ihr froh, dem WM-Wahnsinn in Deutschland momentan entkommen zu sein?

Nino: Also ich hatte wirklich ein bisschen Angst vor der Weltmeisterschaft, da ich Szenerien wie bei der Love Parade befürchtete. Natürlich gibt es zahlreiche Hooligans, die in der S-Bahn für Krach sorgen. Aber es ist tatsächlich so, dass die Mehrheit Party macht. Das sind Menschen aus der ganzen Welt: An der einen Ecke tanzen halbnackte Brasilianerinnen, zwei Straßen weiter singen polnische Anhänger. Das ganze ist wirklich getreu dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ eine Love, Peace & Harmony – Angelegenheit. Ich erwartete, dass das alles viel mehr nerven würde, aber momentan ist es wirklich nett, durch Berlin zu gehen.

Seid ihr große Fußballfans?

Thomas: Also die Spiele, die wir sehen können, schauen wir uns auch an. Es kann jedoch auch vorkommen, dass wir die eine oder andere Begegnung bewusst auslassen. Es macht wirklich Spaß, sich die Partien kleinerer Länder anzusehen, die wirklich großartigen Fußball spielen, jedoch scheinbar nicht in der Lage sind, Tore zu schießen.

Nino: Das letzte Deutschland-Spiel haben wir uns gemeinsam in einer Kneipe angesehen. Unser Bassist Matthias, der eigentlich gar kein Fußballfan ist, war nervlich völlig am Ende und hat total mitgefiebert.

Wie schätzt ihr die derzeitige Situation in Deutschland ein? Wirtschaftskrise oder Aufschwung durch mehr Realismus seit der neuen Regierung?

Thomas: (ironisch) Also vor allem die „Du bist Deutschland“-Kampagne hat sicherlich unheimlich viel bewirkt. Uns steht noch eine Mehrwertssteuererhöhung bevor, welche es abzuwarten gilt. Ich stehe dieser Regierung genauso skeptisch gegenüber wie der letzten auch. Ich bin mit gewissen Entscheidungen nicht einverstanden, mit anderen schon.

Nino: Man muss wirklich abwarten, wie es nach der Fußball-WM weitergeht. Momentan herrscht ohne Frage eine unheimliche Euphorie, alle feiern miteinander. So etwas kann sicherlich auch etwas bewirken. Zuvor gab es ja wirklich eine ziemliche Resignation und richtig depressive Stimmung. Alles wurde viel schlechter gemacht, als es in Wirklichkeit war. Es herrschte eine unfassbare Jammermentalität, die eigentlich so gar nicht gerechtfertigt war. Ein Gefühl des Aufschwungs durch ein sportliches Großereignis ist definitiv möglich. So etwas gab es 1954 ja auch schon…

Thomas: Das kann man aber wirklich nicht vergleichen!

Nino: Natürlich nicht, man muss das schon in einer anderen Relation sehen.

Thomas: In Wahrheit sind wir ja ein verdammt reiches Land und haben keinerlei Gründe, über irgendetwas zu meckern.

Nino: Absolut. Wir jammern ja auf hohem Niveau, wie man so schön sagt. Es ist sicher möglich, die momentane positive Stimmung über die Zeit der Weltmeisterschaft hinaus mitzunehmen. Vorraussetzung dafür ist auch, dass Deutschland weit kommt.

Thomas: Das hat dann auch zufolge, dass sich diese ganzen tollen Fußballsongs massenweise verkaufen. „Schwarz und weiß“ und wie die alle heißen. Und wenn die Sportfreunde zwei Millionen Singles verkaufen, profitieren dadurch natürlich fünfzig Nachwuchsbands.

Warum gibt es von euch keinen musikalischen Beitrag zur WM?

Thomas: Wir hätten da etwas gehabt, unser Song hätte die Euphorie in Deutschland aber stark gebremst. „Weltmeister (wird Brasilien)“ hätte der geheißen, den wollte man aber nicht veröffentlichen.

Nino: Wenn ich mir die Charts voller Fußballsongs anschaue, bin ich ehrlich gesagt sehr froh, da nicht dabei zu sein, da ich das ganze wirklich unfassbar peinlich finde.

Ihr wart mit euren letzten Veröffentlichungen unter anderem bei MTV TRL sehr hoch im Kurs, ich habe sogar in den RTL 2 – News einen Bericht über euch gesehen. Hattet ihr zu dieser Zeit irgendwie Angst, fallengelassen zu werden?

Thomas: Also vergessen wird man sowieso. Nämlich dann, wenn man kein Thema mehr ist und keine aktuellen Werke am Markt hat. Die Verkaufszahlen bleiben auch nicht ständig auf gleich hohem Niveau, da irgendwann alle interessierten Leute die Platte auch haben. Das ist aber nichts, mit dem man nicht klarkommt, da man diese Ruhe, welche einem dann geschenkt wird, auch braucht.

Wie steht ihr zu der Kampagne einiger deutscher Künstler für einen gewissen Prozentsatz einheimischer Musik in den deutschen Radios? Viele andere Musiker empfanden diese Maßnahme ja als kompletten Schwachsinn.

Nino: Ist es auch. Musik nach Sprach zu kategorisieren, ist völlig unsinnig. Wenn es schon so etwas geben soll, müsste es – und das ist sowieso ganz utopisch – nach Qualität erfolgen. Was das alles vielleicht bringt sind drei weitere Jeanette Biedermanns und eine zweite Yvonne Catterfeld, die alle auf Deutsch singen. Die guten, „echten“ Bands haben gar nichts davon. Wenn man sich ansieht, wer sich dafür stark macht, sollte einem sofort klar sein, dass diese Sache totaler Quatsch ist.

Thomas: Es ist schon so, dass es Künstler, die sich in der eigenen Sprach ausdrücken, oft schwerer haben. Aber trotzdem wird am eigentlichen Problem vorbeidiskutiert. Es ist ja klar, dass ich die Sachen, welche in meinem CD-Regal stehen, nicht im Radio höre. Da läuft halt nur Shakira und Robbie Williams – und eben kein Ben Folds.

Nino: Ich sehe eher das Problem bei den öffentlich-rechtlichem Radios mit Kulturauftrag, die eigentlich nicht mit privaten Sendern konkurrieren dürften. Trotzdem richten sie ihr Programm sehr dem Mainstream nach aus. Wir kommen ja aus Berlin, wo es mit Radio1 und Radio Fritz recht gutes, alternatives Jugendradio gibt. Ganz schlimm ist es hingegen in Bayern, wo auf fünf Sender der öffentlichen Anstalten nur Dreck läuft. Das muss man so sagen. Da fragt man sich: Die haben so viele Frequenzen, wieso nutzen sie das nicht auch für andere Programmausrichtungen? Kleinen Jugendradios, die auf irgendwelchen regionalen Frequenzen von 20 bis 22 Uhr senden, werden ständig Unterstützungen gekürzt.

Viele der Künstler, die diese Aktion unterstützen, haben ja scheinbar den Standpunkt, dass man als einheimischer Musiker von vornherein einen gewissen Nachteil hat.

Nino: Es gibt eine derartige Angst, die zum Teil auch berechtigt ist. Fakt ist, dass die deutsche Sprache härter und unangenehmer für Leute ist, die nebenbei Radio hören. Wenn etwas Englischsprachiges läuft, muss man nicht unbedingt auf den Text achten, das läuft eher an einem vorbei. Da man sich bei deutschen Sachen eher über den Text Gedanken macht, nehmen manche Radios nur ein deutsches Lied pro Woche neu auf die Playlist. Man möchte eben in erster Linie keine Hörer verlieren. FM4 ist da ein gutes Gegenbeispiel, welches zeigt, wie es gehen kann. Durch ein derartiges Radio, welches überregional und trotzdem alternativ ist, werden die Kids gleich ganz anders sozialisiert. Deutschlandweit gibt es so etwas nicht.

Sind bei euren neuen Sachen große Überraschungen dabei? Was darf man erwarten?

 Thomas: Es gab keinerlei bestimmte Erwartungen unsererseits und ich denke, dass wirkliche Überraschungen ausbleiben werden. Wir haben immer gemacht, was uns gerade entspricht, ohne uns über diese Vorgänge Gedanken zu machen. Beim letzten Album versuchten wir uns an einer Art Popentwurf, bei dem alles korrekt und richtig sein sollte. Es ging dabei jedoch nicht um Glätte, sondern eher um Genauigkeit. Damals stand ABBA für uns Pate, auch wenn man das sicher nicht raushört. Wir wollten auch Musik machen, die schöngeistig und harmonisch ist. Diesmal verzichteten wir bei den Aufnahmen auf Streicher oder Bläser. Wir wollten alles so aufnehmen, wie man es auch live bekommen wird.

VIRGINIA JETZT!, Interview am Nova Rock Festival 2006 (Nickelsdorf, Pannonia Fields II)  

20.06.2006, 11:30 von T. Hochwarter


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