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Robert Rotifer im britishrock-Interview
10.03.2006
Robert Rotifer steht nicht nur für intelligenten, hintergründigen Journalismus direkt aus dem Mutterland der guten Musik (für FM4, profil, now magazine etc.), sondern auch für erstklassige Musik: frischer Singer/Songwriter-Folkrock, voll von Melodiebögen des klassischen Britpop.

Vor kurzem gab sich der umtriebige Alleskönner im leider nur mäßig besuchten Wiener WUK die Ehre. Zwischen Soundcheck und Performance habe ich ihn während des Besaitens seiner Fender Telecaster mit Fragen zur britischen Medienlandschaft und zum aktuellen Hype um die Arctic Monkeys belästigt. Außerdem hat er mir verraten, mit welchen Problemen er konfrontiert ist, wenn er vor heimischem Publikum auftritt und was seiner Meinung nach Wien im Vergleich zu London auszeichnet. Natürlich unterhielten wir uns auch über seinen einmaligen Auftritt als „Zeit im Bild“ - Korrespondent im Juli vergangenen Jahres.

Hauptact des Abends war aber Fuzzman alias Herwig Zamernik (Naked Lunch), welcher seine Bandkollegen und mich zu einer geradezu zügellosen Fotosession nötigte, welche gar nicht so lustig war, wie es vielleicht aussieht...

Gehst du durch die Tatsache, dass du heute in Wien auftrittst, anders an das ganze heran? Ergeben sich dadurch irgendwelche Besonderheiten?

 Es gibt durchaus Unterschiede, vor allem was die Texte anbelangt. Gerade momentan performe ich sehr akustisch orientiert. Das bringt natürlich mit sich, dass man doch die Möglichkeit hat, auf die Texte zu achten. Wenn ich in England auftrete, habe ich das Gefühl, das man versteht, worüber ich singe. Das geht mir hier ab. Besonders bemerkbar macht sich das bei „The Call Of The Swine“, einem Song des neuen Albums, wo es doch ziemlich offensichtlich um Blair und seine Politik geht. In England stellt dieses Lied immer einen Höhepunkt des Sets dar, hier wird das akzeptiert a la „ja, das is auch ganz ok, is halt eher ruhiger“. Das hab ich bei der Wohnzimmer-Weihnachtsfeier im B72 gemerkt, als ich mit reduzierter Besetzung aufgetreten bin. Auch hier hab ich den allgemeinen Wunsch nach eher flotteren Stücken vernommen. Genauso war es gestern in Graz, obwohl das Publikum dort wirklich gut war. Das ist halt so und es ist letztendlich nicht eine so wahnsinnig ernste Sache.

Weil wir schon bei den Texten sind: Wieviel ernsthafter Kontext steckt hinter der ironischen Fassade deines Songs „Schengenländer Die!“?

An sich bin ich der Meinung, dass Ironie in der Musik nichts verloren hat, weil man sonst wieder dort endet, wo man in den 90ern mit Mike Flowers Pops schon war. Andererseits mag ich es auch nicht, wenn man nur Bitterkeit transportiert. Ich muss allerdings zugeben, dass ich zu Beginn gar nicht wirklich gewusst habe, worum es in diesem Song geht. Da bin ich erst draufgekommen, als ich gelesen hab, was andere Leute darüber denken. Nick McCarthy (von Franz Ferdinand, Anm.) hat mich dann erst darauf hingewiesen, dass ich eigentlich der Schengenland-Bürger in Großbritannien bin. Der Text entstand übrigens, als ich einmal, wie ich es auch im Lied beschreibe, in den Wirren der seltsamen Linienführung der Loop Line South Londons quasi gefangen war, weil ich in den falschen Zug eingestiegen bin. Ich hatte einen dringenden Termin und mir blieb nichts anderes übrig, als auf den nächsten Zug zu warten, der wieder zurück fährt. Was mir dabei durch den Kopf ging, war diese antiquierte Utopie der neunziger Jahre, dass man mit den Schengener Verträgen keine Pässe mehr benötigt. Für mich wirkte das ganze wie der große zerplatzte europäische Traum, wenn ich an die heutzutage überall grassierende Terrorhysterie denke.

Was verbindet dich mit deinem Tourkollegen Fuzzman, was schätzt du an ihm?

Also primär verbindet mich mit ihm das gemeinsame Label in Österreich (Wohnzimmer Records, Anm.). Ich muss ich zugeben, dass ich seine Musik erst kennengelernt habe, nachdem es den Vorschlag einer gemeinsamen Tour schon gab. Um ganz genau zu sein, war das während einer Autofahrt zum Videodreh zu „Now That I’m Here“. Außerdem finde ich es gut, dass wir gemeinsame Sache machen, da ich schon der Meinung bin, dass wir ein unterschiedliches Publikum ansprechen. Das finde ich ganz interessant. Es ist überhaupt kein Geheimnis, dass sich für mich die Möglichkeit bietet, vor mehr Leuten zu spielen, als wenn ich allein unterwegs wäre, da sich Naked Lunch durch ihre unermüdliche Tätigkeit einen großen Fankreis erarbeitet und diesen auch erhalten haben. Außerdem mag ich Fuzzmans Musik sehr, so gesehen handelt es sich dabei um eine klassische Win-Win-Situation.

In einem Interview hat Hannes Eder (General Manager von Universal Austria, Anm.) gemeint, dass die Musikszene in Wien qualitativ besser ist als die Londons. Stimmst du mit ihm in diesem Punkt überein? Du musst es ja wissen.

Also ich widerspreche ihm. Natürlich sieht man öfters Scheißbands aus London. Das Problem ist, dass diese Stadt mit Marketing quasi zugepflastert ist. Liz Neumayr, die als Ladyfuzz nach England gegangen ist und es zu einem guten Vertrag und einem gewissen Status gebracht hat, hat mir kürzlich berichtet, sie werde jetzt im „Topshop“ gespielt. Das hat dort schon Bedeutung, soviel nur dazu. Alles, womit man in den Fashion Strores und Supermarktketten beschallt wird, wurde durch vorhergehende Abmachungen besiegelt. Es gibt unzählige Bands, die so zu Popularität gelangt sind und Publishing Deals eingestreift haben, wie zum Beispiel Menswear. Die haben das nach ihrem zweiten geschriebenen Song geschafft. Man muss einfach zwischen dem, was in London medial passiert und dem, was sich musikalisch tut, unterscheiden. Das, was Hannes Eder sieht, ist halt, was über Promotion und Medien wiedergegeben wird. Momentan ist es eben so, dass 80 Prozent aller Bands, die du momentan siehst, wenn du in London in irgendein Lokal gehst, so sein wollen wie die Arctic Monkeys. Es gibt aber auch solche mit erstaunlich hohem Niveau, also eher Bands der restlichen 20 Prozent. Um gute Musik zu finden, ist London aber doch das bessere Pflaster. Das liegt auch daran, dass es in England nach wie vor einen popkulturellen Informationsvorsprung gibt.

Du hast die Arctic Monkeys angesprochen. Glaubst du, dass der momentane Hype um diese Band überhaupt noch zu überbieten ist? Wodurch zeichnet sich dieses Phänomen aus?

Es fällt mir schwer, so etwas irgendwie zu analysieren oder vorauszusagen. Ich würde sagen, dass durch die Arctic Monkeys dieser in den letzten Jahren entstandene Trend, dass es cooler ist, in einer Band zu spielen als DJ zu sein, manifestiert wird. Vor kurzem hab ich für ein Interview mit Daddy G von Massive Attack telefoniert. Er hat gemeint, er verstehe nicht, warum um seine Arbeit so ein Wirbel gemacht wird, weil er ja nichts anderes tut, als anderer Leute Platten aufzulegen. Das ist ein klassischer Widerspruch zur DJ Culture vergangener Tage und deswegen war es irgendwie lustig, diese Worte aus seinem Mund zu hören. Ich hab große Mühe, dazu ein ideologisches Statement oder so etwas in der Art abzugeben. Ich glaube, dass in den Mainstream Dance Clubs momentan wichtiger ist, wie viel die Red Bull Vodkas kosten als welche Musik gespielt wird. An ihren Texten ist ja zu erkennen, dass die Arctic Monkeys selbst in solche Clubs gehen. Das war früher irgendwie nicht so, da gab es eine Art Trennung.

Was nimmt mehr Zeit in Anspruch: Dein musikalisches Schaffen oder der Journalismus? Und was machst du lieber?

Also mehr Spaß macht mir auf jeden Fall die Musik, das ist gar kein Geheimnis. Aber normalerweise auch das Schreiben. Wenn ich die Möglichkeit hätte, vom Musikmachen leben zu können, würde ich mich dafür entscheiden. Aber ich weiß, dass ich mich absolut nicht beschweren kann.

Auf deinem neuen Album ertönen mehrmals Banjoklänge. Wie ist es dazu gekommen?

Naja, eigentlich nur auf einem Song.

Aha, dann hatte das anscheinend eine so starke Wirkung auf mich!

Ich werde aber oft darauf angesprochen. Die Wahrheit ist, dass viel finger-picking auf der Akustikgitarre enthalten ist, das auch so klingt. Ich habe einmal in einem Geschäft ein Linkshänder-Banjo gesehen, das musste ich haben. Ich kaufte es und stimmte es auf Moll, das hat mir immer schon gut gefallen. Anschließend habe ich einen Song damit gemacht, nämlich „Shambles Grove Revisited“. Finger-picking habe ich nie beherrscht. Ich habe mir das immer sehr schwierig vorgestellt und schnell aufgegeben. Als dann meine Kinder geboren wurden, kam es darauf an, leiser Gitarre zu spielen. Daraufhin habe ich mich wieder damit auseinandergesetzt. Ich habe da jedoch meine ganz eigene Art, die technisch nicht wirklich korrekt ist.

Du lebst ja schon ziemlich lange in England. Kannst du dadurch noch besser formulieren, was Wien auszeichnet? Vielleicht etwas, was einem zuvor gar nicht so auffällt?

Also Wien zeichnet sehr viel aus, würde ich sagen. Erstens, dass hier Dinge wahrgenommen werden, ohne dass ein PR-Budget dahinter steht, sondern weil sie interessant sind. Das ist meiner Meinung nach ein Riesenluxus in einer Millionenstadt. Zweitens, dass Leben im Zentrum nach wie vor leistbar ist, also auf jeden Fall im Vergleich zu London. Außerdem, du wirst jetzt sicher lachen, funktioniert der öffentliche Verkehr viel besser. In London ist es keine Seltenheit, Termine aufgrund kaputter U-Bahnen sowie Bahngleisen zu versäumen. Ein weiterer großer Faktor, der die Situationen in den beiden Städten unterscheidet ist, dass in Wien der Betreiber eines Lokals gleichzeitig der Veranstalter eines Konzerts ist. Er bezahlt der Band eine Gage, unabhängig davon, wie viele Leute kommen. In London gehen so gut wie alle Bands praktisch leer aus, da es ein weiteres Glied in der Kette gibt. Der Promoter, also der Veranstalter, welcher nicht der Besitzer ist, erhält selbstverständlich ebenfalls einen gewissen Teil des Gewinns. Es gibt eigentlich nur ganz wenige Orte, wo du als Band gut behandelt wirst, egal ob das in Camden oder woanders ist. Normalerweise bist du der letzte Trottel. Natürlich gibt’s auch gute Leute, aber wenn man sich ehrlich ist, weiß man, wie es in der Regel aussieht. Man bekommt ja auch als Musikjournalist unglaublich viel in die Hand gedrückt, wovon man sich sicher ist, dass da nie etwas daraus wird. Obwohl man weiß, dass eine Band dahinter steckt, die alles investiert und wahrscheinlich ihre Mütter dafür verkauft hat. Die glauben halt, so ihr Leben verbringen zu können. In diesem Zusammenhang empfehle ich jedem Interessierten, „The Last Party“ von John Harris zu lesen. Wenn schon nicht das ganze Buch, zumindest den Teil am Ende, in dem beschrieben wird, was aus den ganzen Leuten geworden ist. Da bekommt man einen sehr schönen Blick hinter den ganzen Hype und erkennt, was am Ende über bleibt.

Hast du nach deinem Gastautritt anlässlich der Terroranschläge in London im Juli letzten Jahres Ambitionen, „Zeit im Bild“ – Korrespondent zu werden?

Also da spielen andere Sachen eine Rolle. Es war mir nicht unangenehm, der Anlass war leider kein erfreulicher. Hintergrund war, dass der ORF zu diesem Zeitpunkt kein Büro in London hatte. Das Seltsamste daran sind gewisse Auswirkungen. Mir wurde klar, dass dieses fünfminütige Gespräch in keinem Verhältnis zu meiner Musik und meinen journalistischen Tätigkeiten steht. Tausende Leute haben so zu ersten Mal von mir erfahren. Hauptgesprächsthema war daraufhin mein Anzug. Es gab die Diskussion, ob es ein Designerstück war oder Second Hand-Ware.

Wie ist dieser tragische Tag eigentlich für dich verlaufen?

Ich war in Canterbury und hatte einen befreundeten österreichischen Kollegen zu Gast. Wir haben uns eigentlich auf einen recht entspannten Tag eingestellt, an dem ich ihm die Gegend zeigen wollte, als plötzlich das Telefon läutete. Es war ein Mitarbeiter der Berliner Zeitung, der mich fragte, ob ich darüber denn etwas schreiben wolle. Ich fragte ihn, ob es da vielleicht irgendetwas gibt, wovon ich noch nicht weiß. Für die ORF-Schaltung bin ich extra nach London gefahren, was schon seltsam war. Prägnant war auch, dass wir am darauf folgenden Tag das Album aufnehmen wollten. Stefan Franke (Bassist, Anm.) hätte am 7. Juli mit British Airways kommen sollen. Letztendlich nahmen wir zwischen den ersten und zweiten Anschlägen in London auf, ohne zuvor gemeinsam mit dem Bass geprobt zu haben.

Wie beurteilst du den momentanen Status der diversen Mainstream-Britpopbands wie Kaiser Chiefs, Hard-Fi oder auch Oasis? Welchen Stellenwert haben sie heute in den Medien; wo ist das ganze anzusiedeln zwischen Szene und Yellow Press?

Also die Kaiser Chiefs sind meiner Meinung nach in einer super Situation, weil sie musikalisch großes Interesse erwecken. Außerdem glaube ich nicht, dass Ricky Wilson (Sänger der Kaiser Chiefs, Anm.) eine große Rolle in den Boulevardblättern spielt, oder habe ich da etwas verpasst? Ich lese diese Blätter nicht, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er sich anders verhält als gewisse Kollegen. Oasis haben ja von Anfang an mit dem Boulevard gespielt, das ist Teil ihres Konzepts. Bei Blur beispielsweise sieht man, dass es auch funktionieren kann, von den Klatschblättern in Ruhe gelassen zu werden, wenn man das möchte und auch zeigt. Letztendlich geht es wohl darum, sich selbst zu entwöhnen.

ROBERT ROTIFER, WUK Wien, 08. März 2006  

10.03.2006, 16:54 von T. Hochwarter


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