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Interviews

„Burn This City!“ Franz Ferdinand im Interview.
22.12.2005
…titeln wir mal nicht mit “Schotten-Rock”…sondern mit dem Satz, den alle zart illuminierten Menschleins nachher noch in der Wiener U-Bahn skandiert haben...

Das worst case scenario, der Supergau im Leben des Musikjournalisten ist das verhaute Interview. Das passiert zwar selten, von Zeit zu Zeit aber doch und kann verschiedenste Gründe haben: Man stellt zum Beispiel schwierigen Zeitgenossen wie Dave Gahan oder Liam Gallagher die falsche erste Frage. Oder man laboriert an feinen Anfängerfehlern wie etwa leeren (oder gar fehlenden) Batterien des Diktiergeräts. Oder man erwischt die Band in jenen Momenten, in denen man genau Null Information bekommt – nämlich kurz vor dem Auftritt (nervös und/oder schlicht hektisch vorbereitend) oder kurz danach (überdrübergutdraufundbetrunken oder das Gegenteil – schlechtschlechtdraufundnüchtern).

Oder das Dilemma trägt sich eben komplett unprätentiös und so gar nicht spannend zu wie letzten Donnerstag in der Wiener Stadthalle bei Franz Ferdinand: Wo einfach die ganze Organisation, ohne klar ersichtliche Schuld eines Kettenglieds jener, schlicht schief ging. Nicht mehr, nicht weniger. Wo Viertelstunden-Verzögerungen im Zeitplan sich zu plötzlich fehlenden Akkreditierungen gesellen und die Probleme potenzieren, wo die Vorab-Kommunikation zwischen allen Beteiligten nicht funktioniert, wo arrivierte Fotografen zwar das Interview (welches angesichts eines 2-Minuten-Slots keines war) ablichten, beim anschließenden Gig aber nicht in den Foto-Graben dürfen. Wo man trotz des Chaos dann Alex Kapranos doch noch zur Seite nimmt und ihn zu einem gefaketen Interview-Foto quasi „vergewaltigt“ und dieser glücklicherweise herrlich freundlich mitspielt. Wo man für den extra angereisten Foto-Kollegen dann zum höllischen Street-Checker-Preis ein...ähm...von einem fraglich erscheinenden +50er optimistisch bepreistes Ticket in letzter Not bei Wind, Schnee und Kälte erwirbt, damit der Mann für die Bilder wenigstens in die Halle darf. Kurzum: Wo man zehn Minuten nach dem Konzert zwar glücklich-verklärt grinsend (so viel kann zu Franzen’s Darbietung schon verraten werden), aber im Endeffekt eben ohne G’schichte dasteht. Murphy’s Law at it’s best, totaler communication breakdown. Unverschuldet von allen Seiten, bloß eine Kumulation von saublöden Umständen.

Deswegen hier an dieser Stelle der Versuch eines fiktiven Im-Text-Interviews anhand einiger der geplanten Fragen (die – no na – nicht gefragt wurden), gewürzt mit FaktenFaktenFakten, einem Gig-Review und den rudimentären Foto-Versuchen des Verfassers dieser Zeilen (mit Hilfe einer Steinzeit-Digicam), dem der Profi-Fotomann an jenem unseligen Abend in der Bürokratie verlustig ging wie einer von denen, die man in First-Person-Computerspielen (meistens heißen sie „Buddy“ oder „Frank“) aus Unacht verliert und dann schmerzlich bräuchte, um das Level fertig zu machen (Nerd-Modus aus). Klingt traurig, isses aber nicht ganz.


The Rakes

Überraschend pünktlich begonnen. Überraschend wenig Lightshow. Überraschend schlechter Sound (Übliches Stadthallen-Problem). Überraschend geniale Dance-Performance von Sänger Alan Donohue. Noch überraschender, dass die Herren aus London ein Set abliefern, nach dem man sich am Ende des Abends fragen wird, ob sie Franz Ferdinand in einem kleinen, verschwitzten Club nicht locker an die Wand gespielt hätten. Freunde des Autors, die sie daheim im UK vor kleinem Publikum gesehen haben, meinten vorab, sie würden es in der 10.000-Leute-Halle in Wien schwer haben. Hatten sie gar nicht so. Vor allem der prognostizierte FM4-Smasher der nächsten Wochen „22 Grand Job“ (in dem es darum geht, dass Donohue eben diesen ausgeschlagen hat) war die Nummer der Nacht, zumindest der ersten Halbzeit. Vor allem in dieser höllisch stompenden Hardcore-Version, welcher der sich lustig verrenkende Gitarrist Matthew Swinnerton aber sowas von Live-Credibility einhauchte, dass von der ohnehin schon guten Studio-Version nur mehr eine zuckende Jungmädchenschar in den ersten zehn Reihen übrigblieb. Obwohl die adoleszenten Damen ja eigentlich erst später tanzen wollten. Tja. So schnell kann’s gehen.

Das Debüt-Album „Capture/Release“ hat elf Songs in petto, die zusammen exakt 34 Minuten dauern. Ähnlich lang dauerte auch der Gig, das heißt, das Album wurde fast komplett gespielt.

„When the band formed they wanted someone who didn’t mind being a dickhead on stage, so I gave it a go“ (Alan Donohue, The Rakes)

“Capture/Release” wurde von Paul Epworth produziert, der auch für Bloc Party und Maximo Park verantwortlich ist – Bands, mit denen The Rakes permanent verglichen werden. Das Problem daran: Epworth hat lange, bevor die beiden obigen NME-Lieblinge bekannt wurden, die Rakes entdeckt. Bloß haben die finanziellen Mittel nicht gereicht, um „Capture/Release“ heuer vor Bloc Party und Maximo Park zu veröffentlichen. Das Resultat draus: „Retro“-Vorwürfe galore, dazu der (falsche) Nimbus des zu-spät-kommenden-auf-den-post-punk-zug-aufspringenden.

„It’s annoying always being broke, broke, broke. I hate being poor.” (Alan Donohue, The Rakes)

Dieses Problem dürfte nach der fulminanten Support-Tour für Franz Ferdinand (und den durchwegs positiven Kritiken) gelöst sein. Solo-Sold Outs werden auch am Kontinent folgen (tun sie eh schon), ein feines Sponsoring durch das Modelabel Fred Perry wird wohl auch Abhilfe schaffen.

Was Anglophile über The Rakes noch wissen sollten: „Lyrics are about 9-5 culture, pubs, clubbing, violent brawls.“ – Klingt zwar ein wenig nach bad lad culture, ist aber nicht so. Trifft vielmehr ganz fein die Stimmung, wenn man gegen 3 a.m. aus einem x-beliebigen Club zwischen Land’s End und John O’Groats rausstapft und, vom bereit stehenden Blaulicht und der sagenhaft gesetzten Freundlichkeit der weiblichen Bobbies geblendet, nix mehr will außer Fish&Chips mit heim nehmen.

Was man sich anhören sollte (in dieser Reihenfolge): “22 Grand Job”, “Strasbourg”, „Open Book“. Und natürlich den mittlerweile unvermeidlichen Powerplay-Smasher: „Work, Work, Work (Pub, Club, Sleep)“


Franz Ferdinand

Alex Kapranos und Bob Hardy sind nette Jungs. Erwartet man eigentlich gar nicht von der – neben Oasis und Coldplay – „größten“ britischen Band dieser Tage. Die Gallaghers vergehen sich konstant in larger-than-life-Rockstarallüren, während Chris Martin am besten Weg ist, Bono und Thom Yorke (Radiohead) den Rang des most predictable sissy in the UK abzulaufen.

Trotz „Art School Band“-Nimbus (Literaturstudent Kapranos und Musikstudent Gitarrist Nick McCarthy haben – glaubt man der Band-Bio – Franz Ferdinand damals gegründet, nachdem sie nach einem Streit über eine Flasche Wodka in eine tiefe Musik-Diskussion verfallen sind. Bassist Bob Hardy und Drummer Paul Thompson sind/waren Kunststudenten) ist da kein Anflug von pretending „Künstler“, wie es zarte Naturen im negativen Sinne verstehen könnten. Nein, da gibt’s die zwei Album-Covers mit ihrer klaren Liebe zu Bauhaus (erstes Album) und das Zitat aus dem russischen Konstruktivismus fürs aktuelle Album „You Could Have It So Much Better“, das Aleksandr Rodchenko kurzerhand entwendet wurde.

Umso sympathischer, als die Band letztes Jahr als „guest editors“ die „G2“-Beilage der britischen Tageszeitung „The Guardian“ gestaltet hat. Und kurzerhand ein Foto des deutschen Künstlers Wolfgang Tillmans (Turner-Preisträger der Londoner Tate Gallery) in neue Sphären gehoben hat, in dem das Bild „John&Paula/Sitting bottomless“ erstmals unzensiert veröffentlicht wurde. Dieses Guardian-Supplement von FF ist übrigens wirklich lesenswert. Mehr dazu hier:

Bevor’s zum Gig-Review geht, noch ein paar unbedingt peinliche, aber fraglos notwendige Gossip-Facts (wir reden ja von britischen Bands, da kann ein bissl Mirror und Sun nicht schaden):

- Gitarrist Nick Mc Carthy ist in München aufgewachsen, hat Deutschland erst 2002
verlassen und spricht demnach perfekt Deutsch. Als er damals nach UK kam, sprach
er laut eigenen Aussagen bloß „schönes Großvater-Englisch“ und musste sich
sprachlich erst anpassen. Im deutschsprachigen Raum fragt er, ob das Interview auf
Deutsch oder Englisch geführt werden soll.

- Im April haben Franz Ferdinand die englische Green Party bei den Unterhaus-Wahlen
(House Of Commons) unterstützt, in dem die Band „This Fire“ für einen TV Spot
hergegeben hat.

- Alex Kapranos hat griechische Wurzeln, unschwer am Nachnamen zu sehen. Zu
seinen musikalischen Einflüssen zählt „Rembetiko“, eine Art von griechischem Blues.
Entspricht natürlich nicht dem in Europa bekannten US-Blues, sondern vielmehr dem
griechischen Sinne des „Blues“ – am besten soulseeken, oder dem Autor schreiben,
der da was empfehlen oder verborgen kann.

- Franz Ferdinand hätten einen Cameo-Auftritt im aktuellen Harry Potter („Goblet Of
Fire“) haben sollen. Aus Zeitmangel, wie es offiziell heißt, haben sie abgesagt. Jarvis
Cocker von Pulp, der auch zum Soundtrack beigesteuert hat, ist übrigens in einer
Nebenrolle zu sehen. Als Mitglied der Band „Weird Sisters“ - Artikel

- Kollege Robert Rotifer hat im Zuge einer Homestory im
„Chateau“ bei den Franzens in Schottland folgendes festgestellt: „An der Hinterwand
des 150 Jahre alten, ziemlich großen, aber unprotzigen Anwesens steht ein großer
schwarzer Quader, der Öltank für die Zentralheizung, den Franz Ferdinand hin und
wieder als Echo-Kammer zweckentfremden, fragt mich nicht wie.“


The gig itself:

Als gelernter Österreicher ertappt man sich ja gern dabei, “bistdudeppert” als grundgültige, letzte Instanz einer Meinungsäußerung im positiven Sinne zu plazieren. Meistens unpassend, grundsätzlich sowieso inflationär gebraucht. Weil ja zum Beispiel die Käsekrainer nach einer Chelsea-Nacht auch „bistdudeppert“-gut ist. Egal, wie superfantastisch (ha, zum ersten Mal erst hier!) die Stunden davor waren. In dem Moment zählt ja nur die Eitrige mit Senf und 16er-Blech.

Aber Kapranos, McCarthy, Hardy und Thompson waren wirklich gut. Da fährt sogar der Zug drüber, von dem keiner weiß, warum er sprichwörtlich drüberfahren muss. Egal.

Man geht bei Kapazundern wie Franz Ferdinand schon voreingenommen hin und erwartet ein veritables Erdbeben, state of the art, kings of britrock, the place to be, all das eben. Und freut sich als Schreiberling schon fast drauf, dass dem nicht so ist. Da hätte man was zu schreiben, holla. Dort eine Ecke, dort eine Kante. Vielleicht aufhängen auf überheblichen Rockstar-Allüren. Oder der Tatsache, dass sie ja „heut eh nur in Wien spielen“ und man damit den österreichischen Minderwertigkeitskomplex im Vergleich zur Rock-City London pflegen könnte. Funktionierte alles nicht. Sie waren gut, saugut sogar. Nicht einmal der grottenschlechte Sound hat’s kaputt gemacht.

Als ich Alex vor dem Konzert zwischen Tür und Angel gefragt hab, was denn seine Lieblingsnummer vom neuen Album sei, hat es mich gefreut, aber nicht gewundert, dass er mit „Outsiders“ geantwortet hat. Das war die erste Nummer beim ersten Durchhören von „You Could Have It So Much Better“, die mir auf Anhieb ins Ohr (ja, ins Ohr) gestochen hat. Dass die Nummer auf der Tour nicht immer im Programm war, verwundert noch mehr als die Tatsache, dass „Do You Want To“ die Single ist.

Die ungewohnte Phalanx aus „Walk Away“ und „Eleanor Put Your Boots On“ (eine Nummer für Alex’ Freundin Eleanor Friedberger), wo Alex bei letzterer die Akustische sehr fein gestreichelt hat, war eine Verschnaufpause, die eigentlich keine war. „Walk Away“ war einen Tick schneller als Studio (wie auch der Rest) und hat keinen Feuerzeug-Horizont produziert. „Eleanor“ dann auch nicht, weil’s schon wieder vorbei war, nachdem die Handy-Foto-Session und der Beste(n)-Freund(in)-Anruf-Slot beendet war.

Verblüffend auch, dass – obwohl „Do You Want To“ und „Take Me Out“ (die vermeintlichen Smasher) relativ früh drankamen – der Rest noch viel besser ankam. Über das finale „This Fire“ mit seiner zum Touren fast hingeschriebenen Zeile „I’m gonna burn this city!“ gibt’s eh nix mehr zum sagen – damit kann man Leute gut heimgehen lassen. In jeder Stadt. (Wer jetzt mit Paris-Witzen liebäugelt, hat nix verstanden. Sorry.)

Die Klarheit des Konzerts impliziert ein denkbar einfaches Statement: Es war ein großer Gig. Sehr großer, guter britischer Rock’n’Roll.

(Text: Christoph Löger/Fotos: Martin Pannier & Christoph Löger)

P.S.: Gab’s Fehler? Ja, einen kleinen.

Nick hat’s abermals nicht geschafft, den Einsatz zu „Take Me Out“ punktgenau zu treffen.

FRANZ FERDINAND, Wien, 21, Dezember 2005

22.12.2005, 16:49 von Christoph Löger


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