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„Wirf schon mal den Grill an, Folli!“ Madsen im britishrock-Interview
10.10.2006
So könnte sich der geneigte Fan die ‚exzessiven’ gemeinsamen Abende einer deutschen Rockband namens Madsen vorstellen. Das Grillen hat anscheinend in der Band so etwas wie eine meditative Funktion und auch in Wien haben sie ihr Debüt voriges Jahr am Griller in einem Lokal an der Alten Donau gegeben. Und da wir hier von Madsen sprechen und nicht von Axel Rose, kann ich euch beruhigen, der Griller steht noch und niemand wurde verletzt.

Das vorige Jahr stand im Zeichen von Madsen, sie galten als DIE Newcomer in der deutschsprachigen Musikszene, wurden sowohl von Künstlern, als auch auf medialer Seite gelobt und die Anerkennung der Fans konnten sie in Form eines Preises in Händen halten, der sie als beste Live-Band des Jahres 2005 auszeichnete.

Nun ja, als auch hoch gelobte Band kann man sich zwar ein wenig, aber nicht immer auf den frisch gepflückten Lorbeeren ausruhen. Ob das etwa der Grund für den schnellen Release des zweiten Albums sein soll? „Nee, uns war einfach nur danach.“ gibt Folli zum Protokoll.

Lasst euch nicht vom Titel „Goodbye Logik“ ablenken, der Verstand wurde bei den Albumaufnahmen nicht an der Garderobe abgegeben „Wir wollten auch anderen Bands den Mut geben, sich nicht vom Druck des 2.Albums zermürben zu lassen“

Madsen haben zweifelsohne ihren Sound gefunden, und ganz nach dem Motto „Never change a winning team“ kann man sich auch so ungefähr vorstellen, was einem erwartet, wenn man sich den Longplayer zulegt. Die Einflüsse der ‚Hamburger Schule’, welche sich seit Ende der 80’ Jahre formierte und mit der neuen Generation rund um Tomte oder Kante neuen Einfluss gewann, könnten sie ohne guten Anwalt nicht abstreiten, sollen sie auch nicht, denn sie sind eigenständig und sicher auch eigenwillig.

Dem Glamour der großen Welt sind sie noch nicht verfallen, ich bin mir sicher abseits der Bühne würde Keith Richards die ‚Normalität’ der Band sicher auf die Palme treiben, obwohl er grob geschätzt genauso alt ist, wie die ganze Band zusammen.

On stage, da könnte er mit der Spiellaune der ‚Mädsens’ (Bela.B) nicht mithalten. Sebastian schreit, spuckt, singt sich die Seele aus dem Leib und die Fans goutieren es mit einem wohlwollenden Kopfnicken bis hin zur völligen Ekstase, daran konnte der teils auch schwammige Sound in der Arena nicht viel ändern. Nach der zweiten Zugabe verabschiedete sich die Band von der Bühne, um gleich danach wieder am Merch-Stand aufzutauchen, um Autogramme auf sämtlichen Körperteilen und kurzerhand zweckentfremdeten Gegenständen zu geben.

Ihr seid jetzt seit September auf Tournee, mit dem neu erschienenen Album „Goodbye Logik“.
Wie sind bis jetzt die Reaktionen des Publikums?

Sascha: Sehr, sehr gut, es gab natürlich einige verhaltene Stimmen, gerade beim 2. Album, aber es läuft eigentlich bestens.
Folli: Deswegen haben wir es auch ganz bewusst „Goodbye Logik“ genannt, dieser Druck des Nachfolgealbums sollte wegkommen. Wir wollten auch anderen Bands Mut geben, die ebenso vor einem Release des 2. Albums stehen. Gerade bei einem Nachfolgealbum versucht man alles zu planen, damit nichts schief gehen kann.

Wenn man jetzt als Unwissender in einem Plattengeschäft steht, und noch nie etwas von euch gehört hat, wie würdet ihr demjenigen empfehlen an eure Musik heranzugehen. Mehr mit Verstand oder „Gefühl“ bzw. was ist euch da besonders wichtig?

Sascha: Zuerst ganz klar, mit Gefühl! Beim Hören der Musik sollte man ein gutes Gefühl haben.
Folli: Jedenfalls sollte man sich die Lieder bewusst anzuhören um festzustellen, ob man sich in den Texten selber finden kann.

Was war für euch das coolste Konzerterlebnis auf dieser Tour?

Sascha: Ich glaube Hamburg vor einer Woche. Das Konzert war extrem gut besucht und es waren sehr viele Leute da, die wir kannten. War schon was Besonderes. Aber beeindruckend sind immer diese mächtigen Festivals.
Folli: Ich schließe mich mit Hamburg an. Wir spielten in der großen Freiheit, wo wir auch schon Green Day sahen und nun standen wir plötzlich selber da. Es war wirklich eine Wahnsinns-Stimmung, wo man manchmal auch inne halten musste um zu begreifen, dass dies wirklich real war.

Wie geht ihr eigentlich mit Kritik um? Welche Kritik nehmt ihr mehr ernst als Künstler, die von den Seiten der Medien oder die eurer Fans?

Folli: Wenn uns jemand kritisch betrachtet, drehe ich mich sofort um, gehe weg und heule! (lacht)
Sascha: Also mir ist in erster Linie die Meinung der Fans wichtig. Die beste Form der Kritik ist für mich jedoch, wenn nach einem Konzert Menschen auf uns zu kommen und uns ihre Meinung persönlich sagen.
Folli: Wir werden uns auch nicht verbiegen wenn wir jemanden nicht gefallen. Wir haben unsere eigene Linie, und die haben wir vor zu behalten.
Sascha: Man darf sich miserable Kritiken nicht all zu Herzen nehmen, denn das ist manchmal doch ganz schön gemein, was da alles so geschrieben wird.

Wie sieht es da mit Kritik innerhalb der Band aus? Ihr tretet ja als eine sehr verschworene Gemeinschaft auf, wie kann man innerhalb der Band da Kritik üben, ohne aber jemanden nahe zu treten?

Folli: Kritisieren ist ja immer leichter als selber zu machen. Man muss es schon begründen können, warum es einem nicht gefällt. Einfach so zu sagen „Das find ich aber langweilig, wie du das geschrieben hast“ wäre sicherlich der falsche Ansatz. Wenn wir gemeinsam darüber diskutieren, finden wir eigentlich immer einen Weg.

Also hattet ihr auch noch keine gröberen Streitigkeiten innerhalb der Band bezüglich des Songwritings von Sebastian.

Sascha: Nee, wenn wir streiten dann nicht über kreative Dinge, sondern meistens wenn jemand etwas vermasselt. Da bin ich ganz gut darin.
Folli: Du hattest aber auch noch keinen richtigen Aussetzer auf dieser Tour?
Sascha: Tja doch, einen ganz kleinen.
Folli: Sascha, darf ich das erzählen? Also Sascha neigt immer dazu einfach mal komplett 4 Takte zu vergessen. Nachdem er einfach aufhört zu spielen gucken wir ihn alle an und denken „Was ist mit dem los“. Aber im Prinzip freuen wir uns immer auf diesen Part.

Ihr habt definitiv euren eigenen Sound gefunden, was auf der einen Seite natürlich vorteilhaft ist, jedoch auch schnell die Gefahr der Wiederholung drohen könnte, da euer Sound auch nur wenig Spielraum für Experimente zulässt. Zusätzlich schreibt bis jetzt nur Sebastian die Songs.

Sascha: Na ja, das kann man unterschiedlich betrachten. Erstmal ist es so, dass eine Band ihren eigenen Sound braucht, und es ist auch nicht so, dass unser zweites Album so klingt wie das Erste. Es hat sich einfach sehr viel verändert, vor allem der Gesang ist fast nicht mehr verzerrt. Der Sound wird sich einfach immer mehr weiterentwickeln. Das 3. Album wird anders klingen und das 4. Album wird komplett anders klingen. Das Geschick dabei ist, seinen eigenen Sound zu bewahren, ohne sich selbst zu wiederholen. Aber sich bei jeder Platte neu zu erfinden, ist wirklich sehr schwer, das stimmt schon.

Ihr habt es vorher schon erwähnt, „das berühmte 2.Album“. Wie seid ihr an die Produktion der Platte herangegangen, habt ihr euch selbst Druck gemacht, oder Druck beispielsweise auch von der Plattenfirma wahrgenommen?

Folli: Sebastian hat eine Menge Demos geschrieben und aufgenommen. Irgendwann kam der Punkt, dass wir wieder ins Studio wollten und unsere Plattenfirma dazu meinte: „Warum denn jetzt schon?“. Wir hatten die Platte in 2 Wochen eingespielt und fertig war sie. Erst als die ganze Promomaschine losging merkten wir, „Ach ja, der Druck!“.
Sascha: Es hat sich einfach richtig angefühlt, wir wollten die Platte auch schon früher aufnehmen, das ging sich aber zeitmäßig dann doch nicht aus.
Folli: Wir haben im gleichen Studio aufgenommen, gleicher Tonmeister, gleicher Produzent. Die große Familie war eigentlich wieder komplett.

Tja, Axel Rose könnte sich bezüglich dieser Geschwindigkeit ein Vorbild nehmen.

Sascha: Ja das könnte er, er braucht hierfür ja schon über 11 Jahre! Das ist schon ziemlich peinlich, aber live waren Guns’n’Roses dann doch ganz gut.
Folli: Für mich war das nur eine billige Kopie.
Sascha: Ja, weil du sie noch in Originalbesetzung gesehen hast (lacht)

Stichwort Publikum: Ihr sprecht vor allem ein sehr junges Publikum an. Seht ihr euch als Band in einer gewissen „Idolfunktion“, bzw. versucht ihr dazu bewusst auf euer Auftreten zu achten? Keith Richards würde sich wahrscheinlich in euer Band punkto Exzesse wahrscheinlich ziemlich langweilen.

Folli: Wir gehen gerne nach dem Konzert noch zu unserem Würstchenstand (Anm: Merch-Stand), quatschen mit den Fans, trinken Bier und geben Autogramme. Aber das war es auch schon wieder.
Sascha: Wir erfüllen halt nicht diese schlechten Vorbild-Rock’n’Roll-Klischees, deswegen müssen wir uns darüber auch keine Gedanken machen. Sebastian, denke ich, ist auch durch seine Texte Vorbild genug, da diese den Menschen in bestimmten Situationen viel geben können.

Ihr habt ja ebenso auf der DVD „Kein Bock auf Nazis“ von der Berliner Punkband ZSK mitgewirkt. In den Lyrics ist jedoch wenig von politischen Anspielungen zu merken. Lässt ihr das bewusst außen vor, oder hat es sich einfach nie ergeben?

Sascha: Es ist so, dass Sebastians Texte sehr offen sind und dabei viel Platz für eigene Interpretationen lassen. Bei deutschen Texten kann es auch ganz schnell peinlich werden. Wenn wir über Politik singen würden, würde sich das nicht gut anfühlen. Statt politischen Texten schließen wir uns lieber diesen Aktionen an.
Folli: Man muss sich auch als Band seine eigene Glaubwürdigkeit behalten. Aber es wäre natürlich schön, wenn man durch Songs die ganze Welt von Nazis (von Nazis) und Bush befreien könnte. Bei manchen artet dass schon in einer Profilneurose aus, wo man sich nur noch denkt „Ach du meine Güte, jetzt hat er auch zu dem schon wieder etwas zu sagen“
Sascha: Stimmt, es sollte halt auch was Besonderes sein.

Hattet ihr auch schon bemerkenswerte Erlebnisse mit Fans?

Folli: Ich setze mich eigentlich ganz gerne vor Konzerten in eine Ecke, wo einem keiner vermutet, und sehe mir die Leute an, die zu unseren Konzerten kommen. Eigentlich traut sich niemand mich anzusprechen. Ein „Guck mal“ kommt den Fans zwar über den Lippen, aber mehr nicht. Wir möchten auch nicht wie Popstars behandelt werden. Wir sind 5 Jungs die Musik machen, die ein bisschen Erfolg haben, nicht weniger und nicht mehr.

Wie definiert ihr denn für euch selbst Erfolg?

Sascha: Tja, gute Frage, wie definiere ich denn Erfolg? Für mich ist es schon Erfolg, hier auf dem Dach der Arena zu sitzen und Interviews geben zu können, vor einem Konzert, das auch sehr gut besucht sein soll.
Folli: Letztens stand ich bei Aldi (bei uns im Ort), wo mich die Kassiererin nach einer Autogrammkarte bat. Da dachte ich mir: „Okay, jetzt hab ich’s geschafft!“. Angeblich wollte sie diese für ihre Tochter haben, obwohl ganz geglaubt habe ich das nicht (lacht)

Hat sich euer privates Umfeld durch den Erfolg verändert? Habt ihr vielleicht Neid von bekannten Bands erfahren? Neid muss man sich ja auch irgendwie hart erarbeiten.

Sascha: Neid von anderen Bands, ich weiß nicht, wenn ja, dann haben wir das nicht gemerkt. Dafür gibt es ja das Internet (lacht)
Wenn ich mir unser Gästebuch angucke, bin ich doch immer wieder fasziniert, wie wenige Leute sich über uns aufregen.
Folli: Jeder hat so seinen festen Freundeskreis, eigentlich wie vorher. Da wir viel unterwegs sind müssen wir es uns gut einteilen damit wir all diese Leute wieder sehen. Und wenn’s denn so ist, ists mit einem „War’s gut?“ und „Jo“ abgehakt und alles ist wieder wie früher.
Sascha: Mir ist aufgefallen, dass uns die alten Freunde nie zu Parties einladen. Wenn wir zu Hause sind und wir davon erfahren, antworten sie „Wieso, du bist doch eh nie da!“ (lacht)

Fühlt ihr euch trotz ständigen touren auch noch sehr verwurzelt mit eurer Heimat? (Anm: Wendland, bei Hamburg)?

Sascha: Wenn, dann mit Hamburg.
Folli: Ich bin mit ganzer Überzeugung ein Landei. Ich fahr auch nicht auf Urlaub, wenn ich frei habe. Ich habe da so einen kleinen Garten, da werke ich herum oder geh gerne spazieren. Das ist für mich Urlaub.
Sascha: Wir hängen viel bei Folli im Garten herum. Wenn wir jetzt nicht unterwegs wären, würden wir wahrscheinlich bei ihm zu Hause sitzen und grillen.
Folli: Wir wollen in zwei Jahren mit einem Bäuchlein im Liegestuhl pennen, uns von Sascha bekochen und die Sonne auf uns scheinen lassen. Dass ist dann unsere eigene Form des Erfolgs. (lacht)

Ihr wurdet voriges Jahr selbst von Thees Uhlmann (Anm: Tomte) hoch gelobt. Wen würdet ihr uns vorschlagen, den wir uns in der deutschsprachigen Musikszene merken sollten?

Sascha: Ich hätte gleich zwei Bands. „Voltaire“, die ja heute als Vorgruppe spielen. In Deutschland haben sie schon einen kleinen Bekanntheitsgrad, in Österreich hat’s leider noch nicht geklappt. Und dann noch Klez.E
Folli: Ich hätte da Elke, zum Beispiel, fünf ganz sympathische Jungs, die auch jedes Rock’n’Roll Klischee erfüllen. Live eine großartige Band.
Sascha: Sie selbst würden das wahrscheinlich als - „Das hat richtig Eier“ - beschreiben.

MADSEN, 09.10.2006 (Wien, Arena)  

10.10.2006, 14:25 von Karin Schneck


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